Gewalt ist ein großes Wort. Ein schweres Wort. Ein Wort, das viele Menschen sofort in Abwehrhaltung bringt.
„Ich tue meinem Hund doch nichts!“ „Ich würde meinen Hund niemals schlagen!“
Und es ist ja tatsächlich so, dass die wenigsten Menschen mit der Absicht in ein Training gehen, ihrem Hund wehzutun oder Angst zu machen. Doch Gewalt hat viele Gesichter. Manche schreien laut, manche flüstern leise. Manche erkennt man sofort und manche verstecken sich hinter gut gemeinten Ratschlägen, Traditionen oder dem Wunsch, alles „richtig“ zu machen.
Als Hundetrainerin sehe ich diese Grauschattierungen jeden Tag. Ich sehe Hunde, die unter körperlichen Einwirkungen leiden, aber auch Hunde, die innerlich still geworden sind, nachdem psychische Gewalt ihnen ihren Ausdruck und die Lebensfreude genommen hat.
Und ich sehe Hundehaltende, die selbst verletzt werden – verbal, emotional oder auch durch Angst und Scham, die in manchen Trainingskulturen leider ganz normal geworden sind.
Genau darum müssen wir über die verschiedenen Formen der Gewalt reden.
Gewalt gegenüber Hunden: Mehr als nur Schläge
Wenn wir über Gewalt sprechen, denken viele zuerst an körperliche Übergriffe. Und ja: Leinenrucke, Tritte, Schläge, Würgehalsbänder, Stachelhalsbänder oder auch Schreckreize gehören ganz klar in diese Kategorie. Aber Gewalt beginnt nicht erst dort, wo ein Hund aufquietscht.
In Österreich ist der Besitz, Erwerb, Verkauf und auch die Nutzung von elektrisierenden und chemischen Ausbildungsgeräten, Stachelhalsbändern, Korallenhalsbändern und Vorrichtungen, die darauf abzielen, Verhalten durch Strafreize zu beeinflussen. Darunter zählen auch Würgehalsbänder ohne Zugstopp, Kopfhalfter oder sogenannte „Erziehungsgeschirre“.
Körperliche Gewalt – sichtbar, aber oft verharmlost
Dazu gehören alle Maßnahmen, die Schmerzen, Unbehagen oder körperlichen Druck erzeugen. Vieles davon wird oftmals immer noch als „normale Korrektur“ verkauft:
- Rucken an der Leine, um Verhalten zu stoppen,
- körperliches Blocken oder Bedrängen,
- den Hund auf die Seite werfen,
- am Nackenfell packen,
- auf den Boden drücken,
- …
Psychische und emotionale Gewalt – die leisen Formen
Psychische Gewalt ist oft subtiler, aber nicht weniger folgenschwer. Sie entsteht, wenn Hunde Angst haben, eingeschüchtert werden, überfordert sind oder keine Sicherheit bekommen.
Typische Beispiele dafür sind:
- Anschreien oder auch eine strenge, drohende Stimme
- gezielte Einschüchterung durch Körperhaltung
- Unvorhersehbarkeit im Verhalten des Menschen
- Isolation oder Ignoranz als Strafe
- überfordernde Trainingssituationen ohne Ausweg
- …
Hunde erleben diese Situationen oft intensiver, als wir Menschen sie wahrnehmen. Sie fühlen sehr gut unsere Anspannung, unsere Unzufriedenheit und auch unsere Überforderung. Und dadurch entsteht kein nachhaltiges Lernen, sondern Stress.
Strukturelle Gewalt – wenn das Umfeld krank macht
Es gibt Hunde, die werden nie geschlagen und trotzdem erleben sie Gewalt.
Nämlich dann, wenn ihre grundlegenden Bedürfnisse dauerhaft ignoriert werden:
- zu wenig Ruhe oder Schlaf
- zu wenig Bewegung oder Abwechslung
- zu wenig Kontakt oder Zuwendung
- zu viel Stress im Alltag
- keine Möglichkeiten, sich zurückzuziehen oder zu orientieren
Strukturelle Gewalt ist so tückisch, weil sie oft unbewusst passiert. Viele Hundehaltende wissen gar nicht, wie sehr bestimmte Rahmenbedingungen ihren Hund einschränken. Und deshalb ist die Aufklärung so wichtig und nicht die Verurteilung.
Gewalt durch Unterlassen – die unsichtbare Version
Manchmal besteht Gewalt darin, nicht zu reagieren. Hunde die Angst haben, Stress zeigen oder sich unsicher fühlen, brauchen sie Unterstützung. Wenn sie diese nicht bekommen, lernen sie „Ich bin allein“.
Auch das kann tiefe seelische Spuren hinterlassen.
Gewalt trifft nicht nur die Hunde – sie trifft auch die Hundehaltenden
Dieser Teil wird in der Hundeszene zu selten angesprochen. Aber er ist essenziell. Immer wieder sehe ich, wie Menschen im Training beschämt, verurteilt oder klein gemacht werden. Und auch das ist Gewalt.
Psychische Gewalt gegenüber Hundehaltenden zeigt sich in Sätzen wie:
- „Du bist zu weich, deswegen tanzt dir dein Hund auf der Nase herum.“
- „Wenn du das nicht durchziehst, bist du schuld, denn dein Hund später aggressiv wird.“
- „Das Problem bist du, nicht der Hund.“
- „Hör auf, so emotional zu sein.“
- „Du musst dich nur mehr durchsetzen.“
- „Wenn du das nicht machst, wird aus deinem Hund ein Tyran.“
Das sind keine harmlosen Ratschläge. Das sind Angstmacher. Und Angst ist kein guter Motivator – weder für Hunde noch für Menschen.
Solche Aussagen erzeugen Schuldgefühle, Unsicherheit, Scham, Leistungsdruck und das Gefühl ein schlechtes Frauchen oder Herrchen zu sein.
Viele Menschen verlassen solche Trainingsstunden nicht mit einer stärkeren Hund-Mensch-Beziehung, sondern mit einem gebrochenen Vertrauen – in sich selbst und in ihren Hund.
Und das ist fatal. Denn Hundehaltende brauchen Unterstützung, nicht Bewertung.
Verständnis, nicht Herablassung.
Begleitung, nicht Manipulation.
Warum mir dieses Thema so wichtig ist
Weil Gewalt – ganz egal in welcher Form – immer Spuren hinterlässt.
Nicht nur beim Hund. Auch in der Beziehung zwischen Mensch und Hund.
Ich habe Kund*innen, die nach aversiven Trainingsansätzen Monate oder Jahre brauchten, um wieder eine positive Verbindung zu ihrem Hund aufzubauen.
Ich habe Hunde erlebt, die sich komplett in sich zurückgezogen haben.
Ich habe Menschen erlebt, die sich nicht mehr trauten, Entscheidungen zu treffen, weil Ihnen eingeredet wurde, sie seien „inkonsequent“ oder „zu emotional“.
Und das alles, obwohl es so viel besser geht.
So viel sanfter.
So viel fairer.
So viel nachhaltiger.
Moderne Trainingsethik bedeutet: Gewalt erkennen und Alternativen bieten.
Für mich ist moderne Hundeerziehung nicht einfach „positives Training“. Es ist eine Haltung.
Ich möchte Verständnis statt Strafe.
Ich möchte Beziehung statt Kontrolle.
Ich möchte Orientierung statt Angst.
Ich möchte Unterstützung statt Druck.
Ich möchte Training, das beiden Freude macht.
Hunde lernen besser, wenn sie sich sicher fühlen. Und Hundehaltende lernen bessern, wenn sie sich nicht schämen müssen.
Der Weg zu einem harmonischen Zusammenleben beginnt nicht mit Härte, sondern mit Ehrlichkeit – zu uns selbst und zueinander.
Wenn du lernen möchtest, wie gewaltfreies, bedürfnisorientiertes Hundetraining im Alltag wirklich funktioniert – und du dir eine sichere, wertschätzende Begleitung wünscht, die dich und deinen Hund stärkt statt euch zu verunsichern, dann komm in die Pfotentruppe-Membership. Dort bekommst du fundiertes Wissen, echte Unterstützung und Trainingsansätze, die euch beiden gut tun.
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