Wenn du diesen Artikel liest, spielst du vermutlich mit dem Gedanken, einen Hund in dein Leben zu holen. Oder stehst vielleicht auch schon mitten in dieser Entscheidung. Und ziemlich sicher bist du dabei schon über die Frage gestolpert:
Züchter oder Tierschutzhund?
Zu dieser Frage gibt es ziemlich viele Meinungen. Oft laute. Oft emotionale. Sehr emotionale sogar. Und leider sind diese oft nur wenig hilfreich.
Ich möchte dich hier nicht belehren, nicht verurteilen und dich auch nicht in eine moralische Ecke drängen. Stattdessen bekommst du einen ehrlichen, realistischen und fachlich fundierten Überblick, damit du am Ende eine Entscheidung treffen kannst, die zu dir, deinem Alltag und deinem (zukünftigen) Hund passt.
Warum diese Entscheidung so wichtig ist
Ein Hund ist kein Projekt, das man einfach wieder beendet, wenn es schwierig wird. Ein Hund ist ein fühlendes Lebewesen, das sich nicht ausgesucht hat, bei wem es landet. Der Mensch ist es dem Hund also schuldig, die Entscheidung der Anschaffung wohl überlegt zu treffen. Und das in jeder Hinsicht.
Viele Hunde landen im Tierheim, nicht weil ihre Menschen böse sind, sondern sie landen im Tierheim weil Erwartungen und Realität nicht zusammengepasst haben:
- der Hund war doch aktiver als gedacht
- er hatte Ängste oder Baustellen
- der Alltag wurde mit Kind, Job oder Belastungen zu viel
- man war auf bestimmte Themen schlicht nicht vorbereitet
Die Herkunft deines Hundes kann großen Einfluss darauf haben, wie planbar bestimmte Dinge sind und wie viel Flexibilität für das Zusammenleben du mitbringen solltest.
Was genau ist eigentlich ein seriöser Züchter?
Nicht jeder, der Welpen verkauft, ist automatisch ein Züchter. Und nicht jeder Hund ohne Papiere kommt aus schlechter Haltung. Trotzdem ist es wichtig, hier genau hinzuschauen.
Seriöser Züchter – was heißt das eigentlich?
Ein seriöser, guter Züchter züchtet Hunde nicht „einfach so“, sondern mit einem klaren Ziel: gesunde, wesensfeste Hunde hervorzubringen, die gut in ein normales Leben passen.
Typische Merkmale eines seriösen Züchters:
- In der Regel läuft die Zucht über einen anerkannten Zuchtverband (z. B. ÖKV/FCI)
- Elterntiere sind gesundheitsuntersucht (je nach Rasse z. B. HD, ED, Patella, Augen, Herz, genetische Tests, …), dadurch entstehen auch die „hohen“ Preise für Welpen von Züchtern
- Die Ergebnisse dieser Tests werden offen gezeigt und es wird nichts beschönigt
- Die Hündin hat nicht ständig Würfe
- Die Welpen wachsen im Haus mit engem Familienkontakt auf
- Sie lernen Alltagsreize kennen (Geräusche, Menschen, Untergründe)
- Du darfst Fragen stellen – viele Fragen
- Der Züchter interessiert sich auch für dich und dein Leben
- Es gibt eine Bereitschaft, den Hund im Notfall zurückzunehmen
Ein guter Züchter will nicht möglichst viele Hunde „loswerden“. Er will, dass seine Hunde gut unterkommen. Und sagt Interessenten gegebenenfalls auch ab, sollten sie nicht geeignet sein, einen
Vermehrer – warum sie ein echtes Risiko sind
An dieser Stelle ist mir ein Punkt besonders wichtig, weil er oft zu kurz kommt oder sehr schwarz-weiß dargestellt wird.
Nicht alle Vermehrer sind „böse Menschen“ oder handeln aus reiner Profitgier und halten die Hunde in einer Baracke im Hinterhof. (Das letztere Art von Vermehrerei nicht unterstützt werden sollte, ist hoffentlich klar.)
Es gibt auch sogenannte „Hobbyzüchter„, die ihre Hunde lieben, es gut meinen und voller Stolz sagen:
„Ein Wurf Welpen tut meiner Hündin gut“ oder „Wir wollten, dass unsere Kinder das miterleben können“
Hier liegt das Problem nicht in der Absicht, sondern im fehlenden Wissen und der fehlenden Verantwortung für die Folgen.
Warum auch gut gemeinte Hobbyzucht problematisch sein kann
Hobbyzüchter:
- führen keine oder kaum Gesundheitsuntersuchungen durch
- verzichten auf genetische Tests, weil sie teuer oder „unnötig“ erscheinen
- kennen Vererbungsgesetze oft nur oberflächlich (wenn überhaupt)
- wählen Verpaarungen nach Sympathie statt nach Eignung
- unterschätzen rassetypische oder linienbedingte Risiken
Das Problem, weshalb solche Untersuchungen notwendig sind:
Früher, als Hunde noch stärker der natürlichen Selektion unterlagen, überlebten viele Tiere mit (teils schweren) gesundheitlichen Problemen schlicht und einfach nicht.
Heute sieht das anders aus.
Durch Domestizierung, Zucht und moderne Tiermedizin entscheidet nicht mehr die Natur, wer überlebt und sich fortpflanzt, sondern der Mensch.
Und genau deshalb tragen wir auch die Verantwortung.
Wenn wir Hunde verpaaren, ohne genau hinzusehen, können wir ungewollt:
- genetische Erkrankungen weitergeben
- körperliche Einschränkungen „normalisieren“
- Hunde erschaffen, die ihr Leben lang Schmerzen oder Belastungen tragen
Man kann Hobbyzüchtern oft keine bösen Absichten unterstellen. Gute Absichten ersetzen aber eben keine fundierte Zuchtplanung.
Wenn wir neue Hunde in die Welt setzen, sollte das Ziel immer sein,
dass es der nächsten Hundegeneration mindestens genauso gut geht. Idealerweise sogar besser.
Und genau deshalb sind Gesundheitsuntersuchungen, genetische Checks und professionelle Begleitung in der Hundezucht so wichtig. Und diese Untersuchungen machen Hunde von seriösen Züchtern natürlich auch teilweise erheblich teurer.
Was bedeutet „Hund aus dem Tierschutz“?
Tierschutz ist kein einheitliches System.
Ein Tierschutzhund kann sein:
- ein Abgabehund aus Österreich (oder Deutschland)
- ein Hund aus dem hiesigen Tierheim
- ein Hund aus einer Pflegestelle
- ein ehemaliger Straßenhund
- ein Hund aus einer Tötungsstation aus dem Ausland
- …
Die Gründe, warum diese Hunde ein neues Zuhause suchen, sind extrem unterschiedlich. Und genau deshalb gibt es hier gar nicht den einen typischen Tierschutzhund.
Hund vom Züchter – Vor- und Nachteile
Vorteile eines Hundes vom seriösen Züchter
1. Mehr Planbarkeit
Du kannst relativ gut einschätzen:
- wie groß dein Hund wird
- wofür er ursprünglich gezüchtet wurde
- welche rassetypischen Eigenschaften wahrscheinlich sind
2. Gesundheitsvorsorge
Seriöse Zucht reduziert das Risiko bestimmter Erbkrankheiten. Sie schließt sie nicht aus, aber sie senkt die Wahrscheinlichkeit.
3. Gute Startbedingungen
Welpen, die behutsam aufgezogen und gut sozialisiert wurden, bringen oft:
- mehr Stressresistenz
- bessere Frustrationstoleranz
- weniger Angst vor Alltagsreizen
mit. Das macht das Zusammenleben natürlich leichter.
Nachteile eines Züchterhundes
1. Hoher Preis
Ein gut gezüchteter Hund kostet in der Anschaffung viel Geld. Das ist für viele eine echte Hürde – und das darf man auch ehrlich so sagen. (Wobei du nicht vergessen darfst, dass die laufenden Kosten für die Erhaltung eines Hundes die Kosten sind, die langfristig ins Geld gehen – ganz unabhängig davon, wo der Hund her kommt.)
2. Rasse bringt auch Erwartungen mit
Rassen wurden für bestimmte Aufgaben gezüchtet. Diese verschwinden nicht einfach, nur weil der Hund heute Familienhund ist.
3. Welpen sind kein Selbstläufer
Ein Welpe bedeutet Schlafmangel, braucht Management und kostet dich Zeit und Nerven. Egal wie gut gezogen der Welpe ist, es ist ein Hundekind und braucht dementsprechend Anleitung, Geduld und Training. Ganz unabhängig ob vom Züchter oder aus dem Tierschutz.

Hunde aus dem Tierschutz – Vor- und Nachteile
Was für einen Tierschutzhund spricht
1. Du gibst einem Hund eine zweite Chance
Das ist für viele Menschen ein sehr starkes Motiv – und das darf es auch sein. Schließlich ist es ein Fakt, dass es viele Hunde gibt, die bereits auf der Welt sind und auf ein Zuhause warten.
2. Charakter ist oft schon sichtbar
Bei erwachsenen Hunden weißt du meist besser:
- wie aktiv sie sind
- ob sie Nähe mögen
- wie sie auf Umweltreize reagieren
Gerade Hunde aus Pflegestellen können oft gut eingeschätzt werden, da sie dort in einer häuslichen Umgebung leben, statt im Zwinger.
3. Geringere Anschaffungskosten
Die Schutzgebühr ist viel niedriger als der Preis beim Züchter. Sie deckt in der Regel die Kosten für die notwendigen Impfungen, den Chip und eine Kastration ab und liegt meiner Erfahrung nach selten über 500 €.
Herausforderungen beim Tierschutzhund
1. Unbekannte Vergangenheit
Viele Hunde haben Erfahrungen gemacht, die wir nicht vollständig kennen. Manche Themen zeigen sich erst, wenn der Hund angekommen ist.
2. Oft ist mehr Geduld nötig
Ein Tierschutzhund braucht oft:
- mehr Zeit zum Ankommen
- mehr Sicherheit, um sich in seiner neuen Umgebung wohl zu fühlen
- …
Das sind per se keine Nachteile, aber eben Anforderungen, die möglicherweise bewältigt werden müssen.
3. Gesundheitliche Themen
Je nachdem, wo der Hund herkommt, kann es sein, dass er akute Erkrankungen oder Verletzungen hat. Gerade bei Hunden aus dem Ausland sollte auch ein Augenmerk auf die sogenannten „Mittelmeererkrankungen“ gelegt werden.
Welche Entscheidung passt zu dir?
Die Herkunft deines Hundes entscheidet nicht darüber, ob er ein guter Hund wird.
Du musst dich aber fragen: Wie flexibel bist du in deinem Alltag? Kannst du damit umgehen, wenn der Hund mehr Herausforderungen mit sich bringt, als ursprünglich gedacht?
Deine Entscheidung, dein Wissen, dein Umgang und deine Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das ist das was zählt.
Wenn du ehrlich hinschaust, dich informierst und dir Unterstützung holst, kannst du sowohl mit einem Züchterhund als auch mit einem Tierschutzhund ein entspanntes, faires Zusammenleben aufbauen.

Ein Kommentar zu “Züchter oder Tierschutzhund – eine ehrliche Entscheidungshilfe für dich”