Wenn du darüber nachdenkst, einen Hund in dein Leben zu holen, hast du vielleicht schon von Rassestandards gehört. Diese Standards sollen beschreiben, wie eine Rasse aussieht und sich verhält.
Auf den ersten Blick klingt das voll praktisch: Du weißt, was du bekommst. Doch leider ist es nicht so einfach. Nur weil ein Hund „dem Standard entspricht“, heißt das nicht automatisch, dass er gesund ist.
Genau das möchte ich dir hier ein bisschen genauer erklären.

Im letzten Beitrag geht es um die Vor- und Nachteile bei Hunden aus dem Tierschutz bzw. vom Züchter. Klicke HIER um ihn zu lesen.
Was sind Rassestandards überhaupt?
Rassestandards sind offiziell festgelegte Beschreibungen von Zuchtverbänden, die eine Hunderasse definieren. Sie beschreiben:
- Größe und Gewicht
- Kopf- und Körperbau
- Fellfarbe und Fellstruktur
- Gangwerk und Bewegung
- Charaktereigenschaften (z. B. Temperament, Jagdmotivation, …)
Diese Rassestandards werden von Zuchtverbänden oder kynologischen Organisationen erstellt und sollen als Leitlinie für Züchter dienen. Ziel ist es, die Rasse möglichst einheitlich zu erhalten.
Der Sinn hinter Rassestandards
- Er sorgt dafür, dass die Rasse erkennbar bleibt
- Züchter können sich an gemeinsamen Maßstäben orientieren
- Für Ausstellungen gibt es klare Bewertungskriterien
Auf den ersten Blick scheint alles gut durchdacht. Doch wenn man genauer hinschaut, zeigen sich doch einige problematische Aspekte.
„Rassetypisch“ heißt nicht automatisch gesund
Nur weil ein Hund „standardkonform“ ist, bedeutet das nicht automatisch, dass er gesund ist. Viele Rassen haben körperliche Merkmale, die den heutigen Standards entsprechen, aber eben teilweise schwere gesundheitliche Probleme mit sich bringen.
Ein paar Beispiele:
- Kurzköpfigkeit (Brachycephalie) führt dazu, dass Hunde wie Möpse, Boxer oder Bulldoggen nur schwer atmen können. Sie neigen stark zu Hitzestress, Zahnproblemen und Augenerkrankungen. Und leider ist es hier auch nicht damit getan, die Schnauzen wieder länger zu züchten, da die Problematik viel tiefer liegt. Bei vielen dieser Hunde gehören auch Geburten per Kaiserschnitt quasi schon zum Standard, da eine natürliche Geburt fast nicht mehr möglich ist.
- Überlange Rücken auf zu kurzen Beinen (zum Beispiel beim Dackel oder Corgi) erhöhen das Risiko für Bandscheibenvorfälle (die im Volksmund nicht umsonst sogar „Dackellähmung“ genannt wird). Auch die Gelenke in den zu kurzen Extremitäten leiden oft unter der Last, was nicht selten zu Fehlbelastungen oder -stellungen führt.
- Übermäßige Hautfalten (zum Beispiel beim Shar Pei, aber auch bei Hunden mit Brachycephalie häufig anzutreffen) können Hautentzündungen, Pilzinfektionen und Reizungen verursachen. Diese Hautfalten gehören aber oft zu den Rassekriterien dazu.
- Extrem lange Ohren (beispielsweise beim Cavalier King Charles Spaniel, Basset Hound und vielen weiteren Rassen) erhöhen die Gefahr von Ohrenentzündungen.
- Sehr große oder schwere Hunde (zum Beispiel Deutsche Dogge, Bernhardiner, Mastiff) haben nicht selten Gelenkprobleme, eine erhöhte Herzbelastung und dadurch eine teils stark verkürzte Lebenserwartung.
- …
Diese Merkmale sind oft Teil des offiziellen Rassestandards und werden von Verbänden und Richtern auf Ausstellungen dann sogar positiv bewertet. Das zeigt ganz klar: Rassestandard bzw. rassentypisch bedeutet nicht immer, dass es gesund ist.

Aber wie kann das sein?
Rassen werden oft nach äußeren Merkmalen gezüchtet, die ästhetisch gefallen oder traditionell sind. Die Gesundheit bleibt dabei manchmal auf der Strecke, weil:
- äußerliche Merkmale stärker bewertet werden als innere Gesundheit
- genetische Diversität eingeschränkt wird, um den Standard zu halten (was den Inzuchtgrad massiv erhöht)
- wirtschaftliche oder kulturelle Gründe die Zucht beeinflussen
Das Ergebnis sind Hunde, die zwar dem Standard entsprechen, aber gesundheitlich teilweise stark belastet sind. Hier sprechen wir von den sogenannten Qualzuchtmerkmalen.
Qualzucht … ein Wort, das zum Nachdenken zwingt
Qualzucht bezeichnet Zuchtpraktiken, bei denen die äußere Form eines Hundes so gezüchtet wird, dass sie das Tierleben oder Wohlbefinden stark beeinträchtigt.
Diese Hunde sind meist liebenswert und freundlich, aber sie haben ein Leben voller gesundheitlicher Einschränkungen, Operationen und Arztbesuche vor sich.
Wenn du einen Hund suchst, ist es also wichtig zu verstehen, dass nicht jeder Hund, der schön aussieht oder dem Standard entspricht, automatisch ein gutes Leben hat. Als zukünftige hundehaltende Person trägst du Verantwortung für das Wohl des Hundes und solltest daher ganz genau hinschauen.
Zuchtverbände sind nicht unfehlbar!
Zuchtverbände leisten (teilweise) wichtige Arbeit, sie sorgen für Regeln, Kontrollen und Papiere. Aber sie sind nicht automatisch die Garantie für gesunde Hunde.
- Verbände bestehen aus Menschen, die ihre Rasse lieben. Das kann die objektive Bewertung beeinflussen.
- Veränderung von Standards geschieht oft langsam.
- Wirtschaftliche Interessen (Ausstellungen, Verkauf von Welpen) können Einfluss auf die Entscheidungen in der Zucht haben.
Deshalb ist es wichtig, dass du nicht blind den Standards vertraust, sondern kritisch prüfst, welche Prädispositionen (= ausgeprägte Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten) verschiedenen Hunderassen haben und welche Gesundheitschecks vom Züchter durchgeführt werden.
Informiere dich bei unabhängigen Quellen
Informiere dich nicht (nur) bei den Liebhabern einer bestimmten Rasse (die sind wie bereits erwähnt in der Regel nicht so objektiv, wie es oft scheint), sondern auch bei unabhängigen Quellen, wie zum Beispiel
- Tierärztinnen oder Hundephysiotherapeutinnen,
- Wissenschaftlich fundierte Publikationen über Rassengesundheit,
- Kritische Artikel von Fachleuten, die sich mit Qualzucht beschäftigen,
um ein ehrliches und möglichst vollständiges Bild einer Rasse zu bekommen.
Achte auf Gesundheitschecks
Frage Züchter oder Organisationen nach:
- Hüft- und Ellbogendysplasie-Untersuchungen
- Patellakontrolle
- Herz- und Augenuntersuchungen
- Genetische Tests auf rassetypische Krankheiten
Ein seriöser Züchter wird diese Fragen offen beantworten und die Unterlagen gerne zeigen.
Wie du das beim Tierschutz- oder Mischlingshund einordnest
Auch Tierschutzhunde können gesundheitliche Probleme haben – oft unbekannt, weil die Vorgeschichte und dementsprechend auch die Genetik unklar ist. Mischlingshunde sind nicht automatisch gesünder, denn in der Vererbung wird nicht „das Beste ausgewählt“, sondern die Natur würfelt die Gene einfach zusammen, so wie sie sind.
Das kann also auch bedeuten, dass sich die Problematiken der verschiedenen Rassen kumulieren (=anhäufen; ansammeln [und steigern, verstärken]).
Dein Entscheidungsweg: am besten gesund, realistisch und liebevoll
Wenn du auf der Suche nach einem Hund bist, solltest du folgende Punkte beachten:
- stelle Gesundheit über Optik
- wähle seriöse Züchter oder Pflegestellen
- setze dich mit Rassestandards auseinander, folge ihnen aber nicht blind
- beziehe kritische, wissenschaftliche Quellen mit ein
- schätze deinen Alltag und deine Ressourcen realistisch ein
Das Ziel ist, einen Hund zu finden, der zu dir passt und ein gutes, möglichst gesundes Leben führen kann.
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